Nach Jahren auf riesigen Bühnen sucht Andreas Gabalier wieder die Nähe. Keine Stadiondimensionen, keine möglichst grosse Inszenierung, sondern Instrumente, Stimmen und Songs, die auch dann bestehen müssen, wenn ihnen der grosse Rahmen genommen wird. Zehn Jahre nach seinem gefeierten MTV-Unplugged-Debüt kehrt der Steirer mit „Handwerk“ genau zu diesem Gedanken zurück.
Der Weg zu diesem Album begann allerdings mit einer Pause. Nach vier intensiven Jahren auf den grössten Bühnen des deutschsprachigen Raums zog sich Gabalier bewusst ein Stück aus dem Rampenlicht zurück. Das zehnjährige Jubiläum seines MTV-Unplugged-Projekts wurde dabei zum passenden Ankerpunkt. Statt unmittelbar das nächste Grossprojekt anzuschieben, nutzte er die Zeit zum Schreiben, zum Sammeln neuer Ideen und für musikalische Arbeit ohne den permanenten Druck der grossen Bühne.
Das Ergebnis heisst „Handwerk“. Ein Titel, der kaum zufällig gewählt sein dürfte.
Wenn aus bekannten Liedern plötzlich neue Songs werden
„Handwerk“ ist kein klassisches Album, bei dem einfach eine Reihe neuer Titel nebeneinandersteht. Andreas Gabalier kombiniert neue Songs mit bereits bekannten Stücken, die für das Projekt neu arrangiert und aufwendig neu eingespielt wurden.
Gerade darin liegt der Reiz eines solchen Albums. Ein bekanntes Lied kann durch andere Instrumente, ein verändertes Tempo oder eine zurückhaltendere Interpretation plötzlich Seiten zeigen, die in der ursprünglichen Produktion kaum zu hören waren.
Der Begriff „Handwerk“ beschreibt deshalb nicht nur die Musik, sondern auch die Art ihrer Entstehung. Hier sollte offenbar nicht einfach ein bestehendes Repertoire in ein akustisches Gewand gesteckt werden. Die Songs wurden neu gedacht und an verschiedenen Orten aufgenommen – in Berlin, Sandhausen, Bayern und Nashville.
Besonders viel Aufwand steckt in den orchestralen Elementen. Im traditionsreichen Emil Berliner Studio in Berlin spielte eigens ein Streichquartett die Arrangements ein. Dass das Album auch auf Vinyl erscheint, passt zu diesem Ansatz: Musik soll hier wieder etwas sein, das bewusst produziert, gespielt und gehört wird.
Johnny Logan schreibt eigens einen Song für Gabalier
Einer der spannendsten Momente auf „Handwerk“ dürfte die Begegnung mit Johnny Logan sein. Der dreifache Eurovision-Song-Contest-Sieger hat eigens einen Titel für Andreas Gabalier geschrieben und diesen anschliessend gemeinsam mit ihm im Studio aufgenommen.
Musikalisch führt diese Zusammenarbeit nach Nashville. Country-Einflüsse treffen auf Gabaliers musikalische Handschrift und verbinden zwei Künstler, deren Karrieren auf den ersten Blick aus unterschiedlichen Welten stammen.
Aus der Zusammenarbeit entstand offenbar mehr als nur ein gemeinsamer Studiotermin. Gabalier und Logan verbindet inzwischen auch eine musikalische Freundschaft.
Gerade für ein Album wie „Handwerk“ ist dieses Duett eine interessante Wahl. Johnny Logan bringt eine jahrzehntelange Geschichte als Sänger und Songwriter mit, während Gabalier selbst immer wieder zwischen Volksmusik, Rock’n’Roll und Country-Elementen pendelt. Hier treffen also nicht einfach zwei bekannte Namen aufeinander, sondern zwei Musiker, bei denen eine gemeinsame musikalische Sprache durchaus naheliegt.
Mit Pietro Basile geht die Reise Richtung Süden
Ganz anders funktioniert das zweite grosse Duett des Albums.
Mit Pietro Basile trifft Andreas Gabalier auf einen Sänger, dessen musikalische Heimat stark vom italienischen Pop geprägt ist. Gemeinsam interpretieren sie „Una canzone per te“.
Schon die Kombination ist ungewöhnlich genug, um neugierig zu machen. Auf der einen Seite Gabaliers bodenständige Klangwelt aus dem Alpenraum, auf der anderen Basiles mediterrane Leichtigkeit und sein zweisprachig geprägter Italo-Pop.
Gerade diese Gegensätze könnten die Stärke der Zusammenarbeit ausmachen. „Una canzone per te“ versucht nicht, beide Künstler musikalisch gleichzumachen. Vielmehr begegnen sich zwei unterschiedliche Temperamente in einem gemeinsamen Lied.
So bekommt „Handwerk“ neben Nashville noch eine zweite musikalische Himmelsrichtung. Ein Album, das zunächst nach Rückbesinnung klingt, öffnet sich damit überraschend weit nach aussen.
Nach den Stadien zurück in die Konzerthäuser
Auch live geht Andreas Gabalier für dieses Projekt bewusst einen anderen Weg. Die begleitende Unplugged-Jubiläumstour führt durch Österreich, Deutschland und die Schweiz – nicht in die grösstmöglichen Stadien, sondern in ausgewählte Konzerthäuser.
Nach Jahren mit ausverkauften Grossveranstaltungen verändert sich dadurch automatisch die Beziehung zwischen Künstler und Publikum. Wo Zehntausende Menschen vor einer riesigen Bühne stehen, entsteht eine andere Energie. Im Konzertsaal werden plötzlich Zwischentöne hörbar, Blicke sichtbar und leise Momente wichtiger.
Für Gabalier ist diese Rückkehr zum Unplugged-Gedanken deshalb mehr als nostalgische Erinnerung an ein erfolgreiches Projekt vor zehn Jahren. Sie wirkt vielmehr wie eine bewusste Gegenbewegung zu den vergangenen Jahren.
Weniger Grösse. Mehr Nähe.
Weniger Spektakel. Mehr Song.
„Handwerk“ könnte der passende Titel kaum besser beschreiben
Nach einer langen Karriere besteht immer die Gefahr, dass Jubiläen vor allem zum Anlass werden, bereits Erreichtes noch einmal aufzuwärmen. „Handwerk“ verfolgt zumindest dem Konzept nach einen interessanteren Ansatz.
Andreas Gabalier schaut zurück, ohne ausschliesslich rückwärtszugehen. Bekannte Songs werden neu interpretiert, neue Stücke kommen hinzu, Musiker aus unterschiedlichen Welten treffen aufeinander und mit Nashville, Berlin, Bayern und Sandhausen wird auch bei den Aufnahmen ein ungewöhnlich weiter Bogen gespannt.
Vor allem aber scheint Gabalier nach Jahren der grossen Bühnen wieder hören zu wollen, was übrig bleibt, wenn man die Dimensionen verkleinert.
Am Ende sind es wieder Musiker, Instrumente, Stimmen und Melodien.
Vielleicht ist genau das die Idee hinter diesem Albumtitel.
Nicht immer muss Musik grösser werden.
Manchmal muss sie einfach wieder Handwerk sein.
Quelle: Stallrecords






